Gin war einst totgesagt, nun erlebt die Spirituose ihren zweiten Frühling. Vor allem Sorten aus Deutschland mischen den Weltmarkt auf: Sie setzen auf Lokalität, deutsche Werte und Kreativität.

Jeder kennt das: Man sitzt in einem schicken Restaurant, doch das Essen ist mies. Oder man hockt am Tresen einer hippen Bar, wo ein Drink belangloser schmeckt als der nächste. Man ärgert sich, schimpft, schwört, nie wieder hierher zu kommen. So ähnlich ging es auch Lucas Krauße aus Hamburg: Er kaufte an einem Oktoberabend vor anderthalb Jahren einen Gin mit Tonic, doch der Gin schmeckte ihm nicht. „Das kann ich doch besser“, dachte er, „ich krieg einen leckereren Gin als den hier hin“. Eine Schnapsidee, zweifellos. Wohl die wenigsten Menschen würden auf die Idee kommen, unter die Alkoholbrenner zu gehen, nur weil ihnen ein Drink nicht schmeckt. Doch Krauße, eigentlich Student für Mode- und Design-Management, ließ die Idee auch am nächsten Tag nicht los. Das Problem: Er hatte vom Destillieren keine Ahnung.

Boom des WacholderschnapsesBoom des WacholderschnapsesBoom des Wacholderschnapses

Boom des Wacholderschnapses

Gin, Made in Germany

Also musste der 22-Jährige jeden Schritt von Grund auf lernen: Krauße kaufte sich eine kleine 0,5-Liter-Destille für den Heimgebrauch, einen Zehn-Liter-Kanister puren Alkohol und alle Kräuter und Zutaten, die er finden konnte. Mit 400 Euro weniger im Portemonnaie wagte er das Experiment: Fast ein Jahr lang testete er verschiedene Rezepturen, probierte neue Kräuter, feilte an der Mischung. „Ich wollte es einfach mal versuchen. Ich fand die Idee witzig und habe am Anfang auch gezweifelt, ob ich das hinbekomme“, sagt Krauße im Gespräch mit stern.de. Doch der Modestudent hat es geschafft: Seit Januar stehen die ersten 600 Flaschen des „Omen Gin“ in Hamburger Spirituosengeschäften. Sein Grundrezept besteht aus 13 Zutaten, darunter Lavendel und Kamille, aber auch Exotisches wie Kubebenpfeffer aus Sri Lanka und Thai-Ingwer. Nun will Krauße die Bars und Restaurants im Rest der Republik erobern.

Guter Gin kommt aus England? Von wegen!

Gin gilt als urbritisch, doch eigentlich stammt sein Vorläufer, der Genever, aus den Niederlanden. Englische Soldaten brachten das „Wacholderwasser“ während des Achtzigjährigen Krieges vom europäischen Festland auf die Insel, seitdem ist es dort eine feste Größe in Pubs und Bars. Die Begeisterung reichte bis in die Krone: Für Queen Mum gab es für den kleinen Nachmittags-Schwips nur ein Mittel der Wahl – Gin, am besten in Verbindung mit Tonic Water.

Nach einer jahrelangen Durststrecke erlebt der Gin in Deutschland nun seinen zweiten Frühling: Nach dem Wodka-Boom ist Wacholderschnaps in Szene-Bars angesagt wie nie zuvor. Von Hamburg bis München, von Berlin bis zum Schwarzwald gibt es mittlerweile ambitionierte Brennereien, die Gin hierzulande wieder salonfähig machen. Es sind kleine Manufakturen, die mit viel Kreativität und neuen Aromen den internationalen Markt aufwirbeln.

Ein Affe verzückt die Gin-Welt

Der wohl bekannteste Gin Made in Germany kommt aus dem Schwarzwald: Monkey 47. Gebrannt wird er in einer alten Mühle von Christoph Keller und Alexander Stein, einem ehemaligem Kunstbuchverleger und einem Ex-Nokia-Manager. Es ist ein hochkomplexer Gin, er besteht aus 47 zumeist regionalen Zutaten, darunter eine Vielzahl von Schwarzwälder Kräutern, Fichtensprossen und Brombeerblättern.

Schon optisch geht die Spirituose neue Wege: Sie wird in braunen Apothekerflaschen mit einem Affen auf dem Etikett abgefüllt, das mutige Design wurde mit dem renommierten Red Dot Award belohnt. Vor drei Jahren gelang dem Monkey 47 dann das scheinbar Unmögliche: Bei einer Wahl zum besten Gin der Welt landete er auf dem ersten Platz – gewählt von einer britischen Jury. In den 50 besten Bars der Welt landet er stets unter den fünf besten Gins der Welt. Denn er schmeckt nicht nur im Zusammenspiel mit Tonic, sondern auch pur. Alexander Stein müsste also wissen, was das Geheimnis eines guten Gins ist.

Klasse statt Masse 

„Es geht um Klasse, nicht um Masse“, erklärt Stein im Gespräch mit stern.de. „Wir verwenden nur hochwertige Zutaten. Im Schwarzwald findet man neben ursprünglicher Landschaft viele essentielle Dinge wie naturreines Quellwasser und besonders aromatische Beeren- und Obstsorten.“ Während bei industrieller Massenfertigung im Schnitt etwa 1 bis 2 Minuten Aufwand in jeder Flasche steckt, sind es bei einer Flasche Monkey 47 etwa 25 bis 30. „Wir haben alles anders gemacht, als es uns Experten geraten haben. Das ging bei der Flasche los und hörte beim Inhalt auf.“ Dass sein Gin weltweit so eingeschlagen hat, überrascht den ehemaligen Nokia-Manager immer noch: „Ich würde lügen, wenn ich sage, ich habe das kommen sehen. Doch der Erfolg wurde sehr hart erarbeitet.“

Spricht man mit Stein über Gin, staunt man nicht nur über seine Expertise, sondern auch die Leidenschaft, mit der er über sein Produkt spricht. Er ist ein Mann, der einst als General Manager für Nokia durch die Welt zog, 2008 seinen Job hinschmiss, mit 35 Jahren noch einmal von vorn anfing und erst im Schwarzwald, so scheint es, seine Erfüllung gefunden hat. Als Quereinsteiger lebt er das Underdog-Image seines Gins auch im echten Leben.

Gin, gebrannt wie ein Bier

Stein ist nicht der einzige, der vor ein paar Jahren die Idee eines heimischen Gins hatte. Seit 2007 kommt aus dem Süden Deutschlands, genauer gesagt aus einem Hinterhof in München, der „Duke“, ein Dry Gin mit Biosiegel. Seine Besonderheit: Neben Wacholder wird der Geschmack von Hopfenblüten- und Malznoten dominiert – ein Tribut an die Biermetropole an der Isar. Wie auch Monkey 47 wurde der „Duke“ mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft.

Mittlerweile gibt es innerstädtische Konkurrenz: Seit 14 Monaten steht der „Feel!“-Gin in den Regalen der Händler, hergestellt wird er vom Newcomer Korbinian Achternbusch. Er setzt ebenfalls auf Bio-Label und Lokalkolorit, sein Gin hat ein kräftiges, würziges Aroma und besetzt mit seiner Milde eine Nische im deutschen Markt. „Mich hat von Anfang an die Vorstellung angetrieben, dass es genial sei, irgendwann in einer Bar auf der anderen Seite des Tresens zu sitzen und seine eigene Flasche sehen zu können.“

„Ich frage mich, wer das alles trinken soll“

Uwe Christiansen, einer der renommiertesten Barkeeper Deutschlands, sieht den Trend hingegen kritisch: „Momentan vergeht keine Woche, in der nicht irgendein neuer Gin auf den Markt kommt, und ich frage mich, wer das alles kaufen und trinken soll“, sagt der Experte. „Ein Großteil der Gins, die hierzulande in kleinen Auflagen auf den Markt kommen, werden die nächsten paar Jahre jedenfalls nicht überleben.“